F-35: Wer im Voraus zahlt, hat nichts mehr zu verhandeln

Rüstungschef Loher beziffert eine stille Vorauszahlung von fast 500 Mio an die USA — und legt offen, was der F-35-Kauf wirklich kostet: Verhandlungsmacht. Neu mit Nachbar-Blick (DE/FR).

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Rüstungschef Urs Loher hat in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» beziffert, was bislang im Verborgenen lief: Die Schweiz hat fast 500 Millionen Franken vorzeitig in den gemeinsamen US-Beschaffungsfonds überwiesen — alle für 2026 vorgesehenen F-35-Raten sind damit bezahlt, bevor ein einziger Jet geliefert ist. Die Begründung: Der Fonds müsse gedeckt bleiben, sonst drohten ein Stopp bei den Ersatzteilen für die F/A-18 oder ein Schaden am F-35-Programm. Das Risiko sei «zu gross». Vorgeschichte: Als die Schweiz im Streit um Patriot Raten zurückhielt, konnten die USA bereits überwiesenes Schweizer Geld aus dem gemeinsamen Fonds umwidmen — der eine Topf lässt das zu.

Der Befund ist nicht die Zahl, sondern ihre Logik. Aus einem Topf finanziert die Schweiz F-35, Patriot und F/A-18-Ersatzteile; wer eine Rate zurückhält, gefährdet alles andere gleich mit. Genau das macht die Schweiz erpressbar — und genau deshalb zahlt sie im Voraus, um gar nicht erst unter Druck zu geraten. Der F-35-Kauf hat die Schweiz also nicht nur Geld gekostet: Weil die USA Mehrkosten geltend machen, verzichtete der Bundesrat im März 2026 auf die ursprünglichen 36 Jets und rechnet nur noch mit rund 30 — der «Festpreis» von 2021 trägt nicht mehr. Was die Vorauszahlung jetzt offenlegt, ist teurer als beides: der Verlust an Verhandlungsmacht.

Diese 500-Millionen-Zahl stammt aus einem Interview, nicht aus einem Communiqué; amtlich bestätigt ist sie nicht. Der Befund über die Abhängigkeit gilt unabhängig davon. Quellen: SRF (28.6.) · swissinfo · armasuisse/VBS 6.3.2026 · Curia 26.025

Kurz & eingeordnet

1. Die Armee gibt ihre Diplomatie ab. Das VBS bündelt internationale Aufgaben neu im Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS): Das Korps der Verteidigungsattachés, die Interessenwahrung im Ausland, protokollarische und kriegsvölkerrechtliche Aufgaben sowie die Steuerung der humanitären Minenräumung wechseln bis Ende 2026 aus der Gruppe Verteidigung ins SEPOS (Mitteilung vom 29. Juni). Damit solle sich die Armee «konsequenter auf die Verteidigung ausrichten».
Einordnung: Die Schweiz entkoppelt ihre Militärdiplomatie von der Truppe und zentralisiert sie politisch-strategisch. Für ein neutrales Land ist das keine Verwaltungsreform, sondern eine Richtungsentscheidung — wer im Ausland für die Schweiz spricht, tut das künftig aus dem sicherheitspolitischen Stab, nicht aus der Armee. (VBS/vtg.admin.ch, 29.6.)

2. EU verlängert die Russland-Sanktionen bis 31. Juli 2027. Der Rat der EU hat die Wirtschaftssanktionen gegen Russland um ein weiteres Jahr verlängert — bis zum 31. Juli 2027 (Pressemitteilung vom 25. Juni).
Einordnung: Die Schweiz übernimmt das EU-Regime weitgehend autonom. Jede Verlängerung verlängert auch den Schweizer Vollzugsdruck — und liefert der Neutralitätsinitiative vom 27. September ihren konkretesten Streitgegenstand: Sanktionen mittragen oder nicht. (Consilium)

3. F-35A-Stationierung: 1'710 Eingaben, und die Hälfte stützt den Standort. In der Mitwirkung zur Stationierung des F-35A auf Emmen, Meiringen und Payerne gingen rund 1'710 Eingaben ein: rund 370 zu Emmen, rund 1'170 zu Meiringen, rund 170 zu Payerne. Allein rund 1'000 davon unterstützen den Flugplatz Meiringen; Themen sind die Grundlagen der Lärmberechnungen (Empa), Schallschutz und Entschädigungen.
Einordnung: Der Lärm-Widerstand ist real, aber lokal eingehegt — und in Meiringen kippt er ins Gegenteil. Der politische Druckpunkt liegt weniger in der Zahl der Einsprachen als in der Frage, ob die Lärmberechnungen halten. (admin.ch, 23.6.)

4. Finanzkontrolle warnt beim IT-Grossprojekt der Armee. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hält im Prüfbericht zu iTASK (Trennung ziviler und militärischer Informatik nach dem RUAG-Cyberangriff von 2016) die geschaffenen Strukturen für «ausreichend reif» — eine Aussage zu den Erfolgsaussichten sei aber «nur unter Vorbehalt möglich»: zu vage Wirtschaftlichkeit, fehlende Messinstrumente, unvollständige Gesamtplanung. Bereits rund 116 Mio. Franken flossen in die Entflechtung, das Folgeprojekt iTASK-U kostet nochmals rund 100 Mio.; vollständig getrennt werden zivile und militärische IT erst 2032.
Einordnung: Dasselbe Muster wie beim F-35 — die Strategie stimmt, die Ausführung wackelt. Ein Vorhaben über zehn Jahre und gegen 200 Millionen Franken, dessen Erfolg die eigene Finanzkontrolle nur «unter Vorbehalt» beurteilen kann, ist ein teurer Blankoscheck. (EFK-Bericht 24115 · inside-it.ch, 30.6.)

5. SAFE: Kanada zeigt der Schweiz den Weg in den EU-Rüstungsmarkt. Der Rat der EU hat am 15. Juni das Abkommen über Kanadas Teilnahme am Rüstungsinstrument SAFE formell abgeschlossen — Kanada ist «der erste Nicht-Europäer» im SAFE (Abkommen unterzeichnet am 14. Februar).
Einordnung: Ein Präzedenzfall mit Adresse Bern. Wer als Drittstaat an den europäischen Beschaffungsmarkt andocken will, braucht eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit der EU — die Schweiz ist erst in Sondierung. Kanada hat vorgemacht, was möglich ist; die Frage ist, ob die Schweiz es politisch will. (Consilium, 15.6.)

6. Rekrutenschule: Drohnen ab dem ersten Tag. Mit der zweiten Rekrutenschule 2026 (Start 29. Juni, 8'289 Rekrutinnen und Rekruten, 2'468 Kader) wird erstmals jede Rekrutin und jeder Rekrut an Minidrohnen ausgebildet — an unbewaffneten, kommerziellen Aufklärungssystemen aus dem Rüstungsprogramm 2025.
Einordnung: Die Drohnen-Doktrin der «Leitlinien für die Verteidigung» erreicht die Grundausbildung — schneller umgesetzt als das angekündigte Drohnenbataillon (bis 2028). Hier wird die Strategie ausnahmsweise sichtbar geliefert. (VBS/vtg.admin.ch, 29.6.)

Nachbar-Blick — für die Schweiz gelesen

🇩🇪 Deutschland: Der Aufwuchs per Gesetz stösst an seine Grenzen. Deutschlands «neuer Wehrdienst» — seit 1. Januar 2026 in Kraft, im Kern freiwillig, aber mit gesetzlich verankerten Zielkorridoren für den Truppenaufwuchs — kommt bei der Erfassung ins Stolpern. Um überhaupt zu wissen, wer verfügbar wäre, reaktivierte Berlin eine Melde-/Genehmigungspflicht: Wehrfähige Männer müssen längere Auslandsaufenthalte melden. Verteidigungsminister Boris Pistorius setzte diese Pflicht nach Kritik per Allgemeinverfügung vom 9. April 2026 wieder aus — worauf der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einem Gutachten (Anfang Juni, im Auftrag der Linksfraktion) festhielt: Das war wahrscheinlich rechtswidrig. Die Exekutive dürfe Ausnahmen setzen, aber keine ganze gesetzliche Pflicht faktisch abschaffen.
Für die Schweiz gelesen: Der grössere Nachbar zeigt im Zeitraffer, was auch der hiesigen Debatte um Sollbestand und Wehrpflicht bevorsteht — Armee-Aufwuchs per Gesetz ist politisch heikel und juristisch anfällig, schon beim blossen Zählen der Verfügbaren. Wer den Bestand erhöhen will, muss zuerst die Rechtsgrundlage sauber haben. (LTO · ZDFheute · BMVg)

🇫🇷 Frankreich: Der Nachbar bestellt in Serie, was die Schweiz erst sondiert. Die Assemblée nationale hat am 1. Juli die Aktualisierung der «Loi de programmation militaire» (2024–2030) definitiv verabschiedet: 36 Milliarden Euro zusätzlich, das jährliche Verteidigungsbudget soll bis 2030 auf 76,3 Milliarden Euro steigen. Ausdrücklicher Schwerpunkt: Luftverteidigung — inklusive beschleunigter Lieferung des Flugabwehrsystems SAMP/T NG, der europäischen Alternative zum US-Patriot.
Für die Schweiz gelesen: Der Bundesrat hat am 24. Juni erst beschlossen, zu verhandeln — über ein zweites, reichweitenstarkes Luftabwehrsystem neben dem um Jahre verzögerten Patriot, unter anderem mit Frankreich. Genau dieses europäische System zieht Paris nun im Eiltempo vor. Während die Schweiz sondiert, ob sie sich vom US-Kanal lösen kann, macht der Nachbar die Alternative gerade lieferfähig. (defense.gouv.fr · Sénat)

Die Zahl der Ausgabe

500 Millionen Franken — So viel hat die Schweiz laut Rüstungschef Loher vorzeitig, vor jeder Lieferung, in den gemeinsamen US-Beschaffungsfonds gezahlt, um zu verhindern, dass die USA Ersatzteile stoppen. Bezahlt für eine Liefersicherheit, die der Vertrag gerade nicht garantiert. (Interview-Aussage, amtlich nicht bestätigt.)

Ausblick — was ansteht

  • 7.–8. Juli 2026: NATO-Gipfel in Ankara («Industrietag», 5-%-BIP-Trajektorie).
  • August 2026: VBS-Botschaft zur MWST-Erhöhung (Armeefinanzierung).
  • Herbstsession (14. September–2. Oktober): Armeebotschaft 2026 im Nationalrat; NDG-Grundpaket 26.021 in der SiK-S.
  • Ende September 2026: Frist für Gemeinde-Stellungnahmen zur F-35A-Stationierung.
  • 27. September 2026: Volksabstimmung über die Neutralitätsinitiative.
  • November 2026: VBS-Arbeitsgruppe soll Varianten zum F-35-Mehrkosten-Streit liefern.
  • 31. Juli 2027: Laufzeitende der verlängerten EU-Russland-Wirtschaftssanktionen.
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Ausgabe 2026 07 02
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