Die 73 Prozent, die noch niemand eingelöst hat
armasuisse meldet 73 % Gegengeschäfte beim F-35 — doch angerechnet ist erst gut ein Drittel. Die 73 sind das Schaufenster, die 34 der Stand. Mit Nachbar-Blick (FR/DE).
Zum ersten Mal seit Monaten trat armasuisse beim F-35 mit einer guten Nachricht an: In einer Mitteilung präzisierten die Beschaffungsbehörde und Lockheed Martin am 7. Juli neue Kompensationsprojekte. Die Botschaft: Die Gegengeschäfte — jene Aufträge, die der US-Hersteller im Gegenzug an die Schweizer Industrie vergibt — sollen am Ende rund 73 Prozent des Vertragswerts erreichen. Das ist mehr als die vertraglich zugesicherten 60 Prozent, und es ist, nach Fixpreis-Streit, Mengenreduktion und Vorauszahlung, die erste F-35-Zahl seit Langem, die für die Schweiz nach Gewinn aussieht.
Der Befund steht im Kleingedruckten. Die 73 Prozent sind eine Prognose «bei erfolgreicher Umsetzung», keine Bilanz. Tatsächlich angerechnet sind laut Mitteilung per 30. Juni erst 1,03 Milliarden US-Dollar — gegenüber einer Offset-Verpflichtung von rund 3 Milliarden (den besagten 60 Prozent). Real eingelöst ist damit gut ein Drittel; der Rest ist ein Versprechen auf Projekte, die zum Teil erst anlaufen (Triebwerks-Trainingssystem, Cyber-Ausbildung für die F-35-Netze, Trainingsmunition, synthetische Treibstoffe).
Damit wiederholt sich beim Nutzen exakt das Muster, das die Kostenseite prägt: Zugesagt wird viel, geliefert wird nach und nach — und die Erfolgsmeldung nimmt das Ergebnis vorweg, das erst die Umsetzung über Jahre einlösen muss. Die 73 Prozent gehören ins Schaufenster; die 34 sind der Stand.
Quellen: VBS/armasuisse-Mitteilung (7.7.2026, DE) · EN-Fassung · SRF (7.7.)
Kurz & eingeordnet
1. NATO in Ankara: 70 Milliarden für die Ukraine, ein neuer Massstab für alle anderen.
Am ersten NATO-Gipfel nach Den Haag verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs am 8. Juli die Ankara-Erklärung: Der Ukraine werden für 2026 militärische Ausrüstung, Hilfe und Ausbildung im Wert von 70 Milliarden Euro zugesagt (2027 «mindestens gleichwertig»); die europäischen Alliierten und Kanada erhöhten ihre Kern-Verteidigungsinvestitionen 2025 um über 139 Milliarden US-Dollar, angekündigt wurden über 50 Milliarden an neuen Beschaffungen.
→ Einordnung: Der ganze sicherheitspolitische Raum um die Schweiz verschiebt Lasten und Bestellungen in eine Grössenordnung, gegen die sich jede hiesige Budgetdebatte künftig messen lassen muss. Für ein Land, das im September über die immerwährende bewaffnete Neutralität abstimmt, ist die entscheidende Grösse nicht das Geld, sondern die Gravitation: Je dichter der Nachbarschaftsblock koordiniert beschafft, desto teurer wird der Alleingang — militärisch wie industriell. (Ankara Summit Declaration (8.7.))
2. Rüstungsexport: Die Erleichterungen gelten seit dem 1. Juli für die ganze EU und EFTA.
Auf den 1. Juli sind Anpassungen in Kraft getreten (Bundesratsbeschluss vom 27. Mai), die die vorgesehenen Erleichterungen der Ausfuhrkontrolle auf alle EU- und EFTA-Staaten ausdehnen; die neu gelisteten Länder profitieren damit vom selben, vereinfachten Regime wie bisher die Mehrheit der EU-Staaten und Norwegen.
→ Einordnung: Der Vollzug liberalisiert die Ausfuhr in Richtung Europa genau in dem Moment, in dem das Volk am 29. November über die Kriegsmaterial-Gesetzesänderung abstimmt. Die Verwaltung schafft Fakten auf Verordnungsebene, während die politische Grundsatzfrage — wie eng darf der Rüstungsexport an europäische Partner gebunden sein — noch offen an der Urne hängt. (SECO-Mitteilung (Ausdehnung Ausfuhrerleichterungen) · SECO — Bewilligungswesen)
3. Cassis vertritt in Den Haag den Schweizer OSZE-Vorsitz.
Als amtierender OSZE-Vorsitzender sprach Bundesrat Ignazio Cassis am 4. Juli an der Eröffnungssitzung der 33. Jahrestagung der OSZE-Parlamentarierversammlung (Motto «International Law and Shared Principles») und stellte die Prioritäten des Schweizer Vorsitzes vor; per Videobotschaft rief der ukrainische Präsident zu mehr Druck auf Russland auf.
→ Einordnung: Der Schweizer OSZE-Vorsitz erreicht seine sichtbarste multilaterale Phase — und führt die Doppelrolle vor, die die Neutralität 2026 kennzeichnet: Vermittlerin einer Ost-West-Organisation zu sein und zugleich Sanktionsstaat gegenüber einem ihrer grössten Mitglieder. (EDA — «Cassis reist nach Den Haag» · OSZE-PV (Session))
4. Pfister trifft in Paris erstmals seine französische Amtskollegin.
VBS-Chef Martin Pfister und die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin kamen am 1. Juli in Paris zu einem ersten Treffen zusammen; Themen waren Europas Sicherheitslage und die Vertiefung der Rüstungs- und Verteidigungskooperation.
→ Einordnung: Das Treffen fällt in den Kontext des Bundesratsbeschlusses vom 24. Juni, über ein zweites, reichweitenstarkes Luftverteidigungssystem zu verhandeln (angefragt sind Hersteller aus Frankreich, Israel und Südkorea). Wer die europäische Alternative zum verzögerten US-Patriot sucht, führt diese Gespräche zuerst in Paris — die Verteidigungsdiplomatie folgt der Beschaffungslogik. (VBS-Mitteilung (1.7.))
5. Erstmals bei einer US-Cyberübung: die Schweiz bei CYBER FLAG 26.
Das Kommando Cyber nimmt vom 13. bis 31. Juli erstmals an der von US CYBERCOM geführten multinationalen Übung CYBER FLAG 26 in Suffolk (Virginia) teil — im gemeinsamen «Blue Team» mit Belgien, mit Fokus auf defensive Cyberoperationen und den Schutz kritischer Infrastrukturen.
→ Einordnung: Im Cyberraum vollzieht die Schweiz eine Annäherung an die USA, die sie im physischen Raum sorgfältig vermeidet. Rein defensiv und multinational gerahmt — aber es ist eine US-geführte Militärübung, und die Neutralitätsfrage stellt sich hier leiser, aber nicht anders als bei jeder anderen Kooperation. (VBS-Mitteilung (13.7.))
6. Balkan: Die Schweiz will ihren EUFOR-Einsatz 2027 ausbauen.
Beim Truppenbesuch auf dem Balkan (2./3. Juli) hielt Armeechef Benedikt Roos fest, die Schweiz plane, ihre Beteiligung an der EU-geführten Mission EUFOR in Bosnien-Herzegowina 2027 zu erhöhen; der KFOR-Einsatz im Kosovo ist bis Ende 2029 verlängert. Aktuell stehen rund 300 Armeeangehörige in der militärischen Friedensförderung im Einsatz.
→ Einordnung: Eine geplante Aufstockung ausgerechnet bei der EU-geführten Mission ist mehr als Truppenarithmetik. Sie ist bislang Absichtserklärung, kein Parlamentsbeschluss — aber sie zeigt, wohin die Schweiz ihre Friedensförderung lehnt, während dieselbe EU-Anbindung an der Neutralitätsurne verhandelt wird. (VBS-Mitteilung (2./3.7.))
Nachbar-Blick — für die Schweiz gelesen
🇫🇷 Frankreich: Macron zieht das 64-Milliarden-Budget auf 2027 vor.
In seiner Rede «aux armées» am Vorabend des Nationalfeiertags (13. Juli) kündigte Präsident Emmanuel Macron an, das Ziel eines jährlichen Verteidigungsbudgets von 64 Milliarden Euro von 2030 auf 2027 vorzuziehen — drei Jahre früher als geplant. Zu den aktualisierten Schwerpunkten zählen Munitionsbestände und Einsatzbereitschaft, Souveränitätsfähigkeiten (Frühwarnung, Weltraum, Langstreckenfeuer, Luftverteidigung) sowie die Modernisierung der nuklearen Abschreckung.
→ Für die Schweiz gelesen: Der westliche Nachbar beschleunigt exakt die Fähigkeiten — Luftverteidigung, Langstreckenwirkung —, in denen die Schweiz noch sondiert und verzögert beschafft. Das Tempo ist die eigentliche Botschaft: Wer 2027 liefern kann, was andere für 2030 planen, definiert, was «rechtzeitig» heisst. (Ministère des Armées — «L'engagement a été tenu» (13.7.))
🇩🇪 Deutschland: 9,5 Milliarden in einer einzigen Sitzung.
Der Haushaltsausschuss des Bundestags billigte am 8. Juli — in der letzten Sitzung vor der Sommerpause — 16 Beschaffungsvorlagen über zusammen mehr als 9,5 Milliarden Euro. Grösstes Einzelprojekt: vier U-Boot-Jagd-Fregatten der Klasse MEKO A-200, dazu unter anderem ein Marine-Hochenergielaser zur Drohnenabwehr.
→ Für die Schweiz gelesen: Der Aufwuchs ist keine Ankündigung mehr, sondern ein Beschaffungstakt — 16 Vorhaben an einem Nachmittag. Und der Bedrohungsfokus deckt sich mit dem der Armeebotschaft: Laser und Drohnenabwehr stehen auch in Bern zuoberst. Der Unterschied ist nicht die Diagnose, sondern die Kadenz der Umsetzung. (ESUT (Fachdienst, 8.7.) · hartpunkt)
Die Zahl der Ausgabe
1,03 Milliarden von 3 Milliarden US-Dollar — So viel an F-35-Gegengeschäften hatte armasuisse per 30. Juni tatsächlich angerechnet — gegenüber der Offset-Verpflichtung von rund 3 Milliarden. Die vielzitierten «73 Prozent» sind die Prognose am Ende der Laufzeit; eingelöst ist erst gut ein Drittel.
Ausblick — was ansteht
- 13.–31. Juli 2026: CYBER FLAG 26 — die Schweiz erstmals bei der US-geführten Cyberübung.
- 14. September–2. Oktober 2026: Herbstsession (an parlament.ch geprüft — nicht 7./8. September).
- 27. September 2026: Volksabstimmung über die Neutralitätsinitiative — die sicherheitspolitische Abstimmung des Jahres.
- 29. November 2026: Volksabstimmung über die Kriegsmaterial-Gesetzesänderung (Referendum zustande gekommen) — der politische Gegenpol zur eben in Kraft getretenen Export-Liberalisierung.
- Oktober 2026 (geplant): Vernehmlassung zum NDG-Zusatzpaket (Umsetzung des BVGer-Urteils zur Kabelaufklärung).
- 2027 (Absicht): Ausbau der Schweizer EUFOR-Beteiligung auf dem Balkan.